Kirschblüten und Kintsugi

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Wabi-Sabi: Schönheit des Vergänglichen und des Unvollkommenen

Japaner wertschätzen vergängliche, flüchtige Dinge und beziehen Makel bewusst in Design und Gestaltung ein. Mir scheint, sie sind sich der Vergänglichkeit allen Seins - auch ihres eigenen Lebens - bewusst. Das ist, glaube ich, auch nicht verwunderlich in einem Land, das so sehr von Naturgewalten wie Vulkanausbrüchen, Erdbeben, Stürmen, Tsunamis und dergleichen geprägt ist.

Die Fähigkeit, vor diesem Hintergrund alles Schöne bewusst zu genießen - auch wenn es noch so kurze Zeit da ist - finde ich bewundernswert. 

Sakura - Kirschblüten in Japan

Zugegeben: bis ich mir selbst die Kirschblüten dort ansehen konnte, habe ich's einfach nicht verstanden. Wie auch? Ich dachte: Kirschblüten sind Kirschblüten. Ja, aber...

Die Kirschblüten in Japan scheinen mir tatsächlich noch schöner als hier bei uns. Ich habe mich gefragt wieso?

Vielleicht hat es wieder mit dem Hintergrund zu tun. Diesmal meine ich den Hintergrund buchstäblich. Diese zarten weißen und rosafarbenen Blüten der Kirschbäume prangen in Japan fast aussschließlich vor dunklem Hintergrund: vulkanisches Gestein, dunkelgrüne Nadelbäume oder dunkelbraune Gebäude. Dabei gibt es nicht wie hier bei uns das helle Frühlingsgrün der Wiesen und die dazu gehörigen bunten Blumen. Will sagen: nichts lenkt ab von den Kirschblüten, der dunkle Hintergrund bringt die Helligkeit und Zartheit der Blüten erst so richtig zur Geltung.

Dieses Schaupiel steht am Ende der kalten, dunklen Jahreszeit, markiert den Beginn des Frühlings und dauert nur einige wenige - meist vier - Tage. 

Sakura - Kirschblüten in Japan  Sakura am Alten Kaiserpalast in Kyoto

Kintsugi - Reparaturen in Japan

Kintsugi heißt eine japanische Handwerkstechnik, mit der man kaputte Dinge aus Keramik oder Porzellan repariert und die Spuren der Reparatur nicht versucht zu verbergen, sondern betont. Zerbrochenes Porzellan wird mit speziellem Kleber wieder zusammengefügt und die vormaligen Risse darin mit Goldstaub verziert.

Das habe ich selbst ausprobiert:

Kintsugi1: Mein zerbrochener Teller  Kintsugi: Mein reapierter Teller

In einer speziellen Werkstatt in Kyoto habe ich einen zerbrochenen Teller wieder zusammengefügt und den Kleber in den Rissen akribisch mit goldfarbenem Pulver abgedeckt. Und damit wurde es sichtbar: Die Perfektion des Unperfekten. Mir wurde gesagt, ich hätte da ein kleines Kunstwerk geschaffen.

Ich finde, die Japaner haben recht, wenn sie sagen, dass solch ein Stück eigentlich schöner ist als vor dem Bruch. Ja, vorher war es ganz und makellos. Aber auch ein wenig langweilig. Und jetzt: einzigartig und interessant. Es ist offensichtlich, dass dieser Teller ein schlimmes Ereignis hinter sich hat. Mir ist aufgefallen, dass ich ihn seitdem behutsamer handhabe.

Meinem Teller ist anzusehen, dass er - wenn man so will - verletzt war und geheilt wurde. Uns Menschen sind - wenn überhaupt - nur körperliche Verletzungen und Narben anzusehen, seelische nicht.

#Familie #Kreativität #ÜberMich